Gazprom

16.06.2017

Mathias Schober: Mit Werten punkten

Wer Leistungsfußball in der Knappenschmiede spielen will, muss sich vorher die Grundlagen aneignen und am Gelernten feilen. Dafür sind auf Schalke die Teams von der U9 bis zur U15 vorgesehen, die Mathias Schober als Sportlicher Leiter verantwortet. Im Interview spricht der frühere S04-Profi über Herausforderungen im Jugendfußball und den Kampf um die jüngsten Talente.

Mathias Schober, wenn über die Knappenschmiede gesprochen wird, stehen meist U19 oder U17 im Fokus. Sie verantworten den Bereich U15 abwärts, der seltener das Rampenlicht genießt …

(lächelt) Ich kann verstehen, dass es manchmal so erscheinen mag, aber Rampenlicht ist für uns kein entscheidender Faktor. Im Grundlagen- und Aufbaubereich bilden wir die Spieler dafür aus, dass sie sich im Leistungsbereich endgültig entfalten und danach im Profifußball durchsetzen können. Insofern sind wir ein immens wichtiger Teil der Erfolgsgeschichte Knappenschmiede.

Auf Schalke können Kinder bereits in der U9 starten. Worauf achten Sie, wenn Sie einen Jungen zum S04 lotsen?

Sie müssen technisch noch nicht alles beherrschen, also zum Beispiel noch nicht beidfüßig sein. Wir schleifen die Talente ja dann in der Knappenschmiede. Zunehmend wichtig wird aber das Thema Tempo. Geschwindigkeit ist schwer zu trainieren, deshalb achten wir auf schnelle, agile Jungs mit guten Bewegungen. Ansonsten sind für uns Spielintelligenz und auch charakterliche Eigenschaften relevant.

Eurofighter! Mathias Schober holte 1997 mit dem S04 den UEFA-Cup. Copyright: firo sportphoto

Oft stechen gerade bei jungen Jahrgängen körperlich stärkere Akteure heraus. Liegt darauf ebenfalls Ihr Augenmerk?

Als ich vor fünf Jahren auf meinem Posten angefangen habe, war das noch anders. Aber mittlerweile erkenne ich schon den Trend, dass andere Vereine vermehrt auf robuste, athletische Spieler setzen. Wir diskutieren das häufig, denn Körperlichkeit ist inzwischen wichtig für eine Mannschaft. Ich würde niemanden holen, nur weil er groß und stark ist. Doch ich halte es für sinnvoll, dass eine vernünftige Mischung gegeben ist, denn es hilft kleineren, technisch starken Jungs in ihrer Entwicklung, wenn sie physischere Mitspieler an ihrer Seite haben. Und umgekehrt verhält es sich genauso.

Die Ausbildung wiegt im Juniorenbereich bekanntlich schwerer als das Erringen von Titeln. Tritt dieses Prinzip in den Altersstufen, die Sie betreuen, noch markanter in Erscheinung?

Das Gewinnen-Wollen ist sehr gut und wichtig, aber im jüngeren Bereich steht die Ausbildung des Einzelnen klar im Vordergrund. Deswegen gibt es beispielsweise bis zur U14 die 50-Prozent-Regel – das bedeutet, dass jedes Talent die Hälfte der gesamten Spielzeit einer Saison auf dem Platz stehen muss, selbst wenn man dadurch vielleicht mal eine Partie nicht gewinnt. Ab der U15 greift dieses Prinzip nicht mehr, da diese Mannschaft den Übergang zum Leistungsbereich darstellt und folglich leistungsorientierter und positionsspezifischer gearbeitet wird.

Im Gegensatz zu den älteren Juniorenteams reisen Ihre Mannschaften deutlich öfter zu Turnieren. Was versprechen Sie sich davon?

Das ist für die Kinder einfach eine super Erfahrung. Solche Reisen sind eine schöne Möglichkeit, diesen Jungs ein Highlight zu bieten. Zuletzt waren U12 und U13 über eine Woche lang bei einem renommierten Turnier in Spanien. Dort messen sie sich mit Clubs wie Juventus Turin oder Benfica Lissabon, treffen Gleichaltrige aus anderen Ländern. Es ist immer wieder faszinierend, wie die Jungs in Kontakt kommen, miteinander kommunizieren, obwohl sie nicht dieselben Sprachen sprechen. Solche Trips sind für uns nicht nur sportlich, sondern auch für den sozialen Umgang, interkulturelle Kompetenzen und den persönlichen Reifeprozess enorm wichtig.

Mathias Schober ...

… war zwischen 1991 und 2000 sowie 2007 und 2012 auf Schalke als Torwart aktiv. Mit den Königsblauen gewann er 1997 den UEFA-Cup und 2011 den DFB-Pokal. 2012 beendete Schober, der zu diesem Zeitpunkt bereits ein Sportmanagement-Studium absolviert hatte, seine Profikarriere und arbeitet seitdem in seiner heutigen Funktion im Nachwuchsleistungszentrum des S04. Das Fußballerdasein vermisst er nicht mehr, wie er betont. Dennoch kickt der 41-Jährige regelmäßig bei der Traditionself mit – als Stürmer!

Mit dem Boom der Nachwuchsleistungszentren begann auch der monetär geführte Kampf um die Talente. Wie bewerten Sie diese Entwicklung?

Es ist schlimm geworden. Mittlerweile kommt es vielen Eltern, mit denen wir sprechen, bereits bei 13-Jährigen darauf an, wie viel Geld verdient werden kann. Unsere klare Position ist: Das machen wir nicht mit. Wir wollen mit unseren Werten und unserer Ausbildungsqualität punkten. Die Entwicklung der vergangenen Jahre bedeutet für uns auch, dass die Trainer, Scouts und ich mehr Überzeugungsarbeit leisten müssen, um Talente zu Schalke zu holen. Häufig fahre ich mit dem jeweiligen Chef-Trainer zu den Jungs nach Hause und versuche, die gesamte Familie für Schalke 04 zu begeistern.

Welche künftigen Trends sehen Sie generell im Jugendfußball?

Die Spieler werden noch jünger werden, also noch früher in Internaten oder Gastfamilien untergebracht sein. Ich denke jedoch, dass dieser Trend nicht gut ist. Wir halten es für sinnvoller, dass die Jungs so lange wie möglich in ihrem normalen familiären Umfeld bleiben und sich dort entwickeln.